Tattvârthâdhigama Sûtra des Umâsvâti.

 

Zweites Kapitel.

 

Im ersten Kapitel sind rechtes Glauben und rechtes Erkennen behandelt worden. In den folgenden Kapiteln wird der Inhalt oder die Gegenstände von rechtem Glauben und Erkennen gelehrt, nämlich die 7 Grundwahrheiten (I 4), und zwar zunächst jîva.

Das eigentliche Wesen der Seele machen die fünf Zustande aus: 1) der der Neutralisation des karman (aupaamika); 2) der der Vernichtung des karman (kâyika); 3) der von diesen beiden Zuständen etwas enthaltende mira oder kâyopaamika; 4) der der Aktivitat des karman (audayika); 5) der Wesenheitszustand (pâriâmika). 1.

aupaamikakâyikau bhâvau mira ca jîvasya svatattvam audayikapâriamikau

ca.

Die beiden ersten Zustände werden vergleichsweise erläutert an trübem Wasser, das durch kaaka geklärt wird; ist die Verunreinigung niedergeschlagen, so entspricht das dem aupaamika bhâva; wird das so gereinigte Wasser abgegossen in ein anderes Gefäss, so entspricht das dem kâyika bhâva. Die beiden Zustände kommen nur einem bhâvya zu, der mira auch einem abhavya (S.). Übt das karman aber seine Wirkung aus, so ist das der audayika-Zustand. Der pâriâmika-Zustand ist das, was im Wesen des jîva als solchen liegt.

Diese zerfallen der Reihe nach in 2, 9, 18, 21 und 3 Unterarten. 2.

dvinavâṣṭâdaaviṃṡatitribhedâ yathâkramam.

Rechtheit und (rechter) Wandel (sind die beiden durch Neutralisierung des karman hervorgerufenen Zustände). 3.

samyaktvacâritre.

Die Rechtheit samyaktva entsteht durch Neutralisierung des daranamohanîya (cf. VIII 10), der (betr.) Wandel durch Neutralisierung des câritramohanîya. Nach Hemacandra's Definition

Y. II 2 besteht samyaktva darin, dass man die wahre Gottheit, den wahren Lehrer und Meister, das wahre Gesetz, als solche richtig erkenne. Das Gegenteil davon ist mithyâtva, Irrigkeit.

Vergleiche auch râvakaprajapti 43 ff. Nach v. 61 ist samyaktva im eigentlichen Sinne das vorschriftsmässige Verhalten der Mönche überhaupt, die oben gegebene Bedeutung sei nur eine übertragene, insofern die Ursache statt der Wirkung gesetzt werde. Vgl. Leumann in dieser Zeitschrift Bd. 59, S. 578 f.

(Durch Vernichtung des karman entstehen) ausserdem (absolutes) Wissen, (absoluter) Glauben, Freigebigkeit, Gewinn, Genus, Freude und Energie. 4.

jânadaranadânalâbhabhogopalhogavîryâi ca.

S. erklärt dâna mit abhayadâna, lâbha mit dem Zuströmen materieller Partikeln zum Körper des Kevalin, der ja nach Ansicht der Digambara's nicht isst; bhoga, dass Blumenregen fällt etc., upabhoga, dass Thron, Wedel und die drei Schirme sich einstellen. Bh. gibt keine Erklärung.

Wissen, Unwissenheit, Glauben, labdhi mit je 4, 3, 3, 5 Unterarten, und Rechtheit, Wandel und teilweise Selbstzucht (sayama) (sind die 18 Zustände, welche von kayopaama hervorgerufen werden). 5.

jânâjânadaranadânâdilabdhaya catustritripacabhedâ samyaktvacâritrasayamâsayamâ ca.

Von den 5 Arten des Wissens ist natürlich kevala ausgeschlossen; die 3 Arten der Unwissenheit siehe I 31; die des Glaubens: cakurdarana, acakurdarana und avadhidarana. Mit ersterem ist die mit darana bezeichnete Vorstellungsart (I 1)

gemeint, wenn sie durch das Sehorgan; mit dem zweiten, wenn sie durch die andern 4 Organe einzeln oder zusammen; mit dem dritten, wenn sie durch avadhi bewirkt wird. L. III 1055. Die labdhi's sind die von dâna, lâbha, bhoga, upabhoga und vîrya (siehe vorhergehendes Sûtra). Als kâyika sind letztere Zustände vollkommen, als kâyopaamika können sie also nur unvollkommen erreicht werden, was wohl die Bedeutung von labdhi sein soll. Es ist zu

bedenken, dass der kâyopaamika bhâva geringer als der aupaamika ist; danach bestimmt sich auch die Reinheit von samyaktva und von caritra, sowie die Anzahl der Fälle ihres Eintritts; siehe Erläuterungen zu I 8 am Schluss.

Die 4 Wesenklassen, die 4 Leidenschaften, die 3 Geschlechter, falscher Glaube, Unwissenheit, ungezügelt, unheilig, die 6 Le's (werden durch udaya bewirkt).   6.

gatikaâyaligamithyâdaranâjânâsayatâsiddhatvaleyâs cattucatustryekaikaikaikaabhedâ.

Dieses sind also die audayika Zustände, die sich unter dem ungehinderten Einfluss des karman zeigen.

jîvatva, Erwähltheit, Ausgeschlossenheit und andere (sind die pâriâmika Zustände). 7.

jîvabhavyâbhavyatvâdîni ca.

. erklärt jîvatva mit caitanya, Geist, geistige Natur, bhavya „erwählt“, ist einer, der samyagdarana einmal erreichen kann. (siddhigamanayogya siehe râvakaprajapti v. 66 f.) Die angedeuteten anderen Zustände wie Existenz, Ewigkeit etc. hat jîva mit andern dravya's gemein.

Geistige Funktion (Vorstellen) ist das charakteristische Merkmal (des âtman). 8.

upayogo lakaam.

Dies ist zweifach, von je acht und vier Arten. 9.

sa dvividho 'ṣṭacaturbheda.

Zweifach als formaliter bestimmtes (sâkâra) oder unbestimmtes (anâkâra) Vorstellen im Wissen oder im Glauben, cf. I 1. Mit ersterem sind die 5 Arten des Wissens und die 3 Arten der Unwissenheit (siehe I 9. 30) gemeint, mit Glauben die II 5 genannten 3 Arten und kevaladarana.

(Die Seelen sind) weltliche und befreite. 10.

sasârio muktâ ca.

Erstere sind solche, die einen inneren Sinn haben,

oder solche, die keinen haben.    11.

samanaskâmanaskâ.

Die weltlichen Seelen sind bewegliche oder unbewegliche.   12.

sasârias trasasthâvarâ.

Die unbeweglichen sind Erde, Wasser und Pflanzen.   13.

pthivyabvaniaspataya sthâvarâ.

Die beweglichen Feuer, Wind und die mit 2 bis 5 Sinnesorganen.   14.

tejovâyû dvîndriyâdaya ca trasâ.

Hier begegnen wir der bekannten animistischen Anschauung der Jaina's, wonach die Elemente beseelt sind. Die Seele, welche an ein Erdpartikel etc. gebunden ist, heisst pthvîkâyika etc., die tote Erde etc. heist pthvîkâya. S. rechnet auch Feuer und Wind

zu den unbeweglichen und reduziert das Sûtra auf die Worte dvîndriyâdayas trasâh. Die unbeweglichen haben also nur einen Sinn, das Gefühl; sie sind ekendriya. Nach S. haben dieselben vier prâa's oder Lebensfunktionen: sparanendriyaprâa, kâyabalaprâa, ucchvâsanivâsaprâa, âyuprâa. Die dvindriya haben einen Sinn, Geschmack, mehr als die vorhergebenden, und zwei prâa's mehr: rasanaprâa und vâkprâa; bei den trîndriya's

kommt Geruch als Sinnesorgan und prâa hinzu, bei den caturindriya's Gesicht, bei den pacendriya's das Gehör und bei den sayin's ausserdem noch der innere Sinn, so das also die höchsten Wesen fünf Sinnesorgane und 10 prâa's haben.

Es gibt fünf Sinne.   15.

pace 'ndriyâni.

Diese sind von je zwei Arten.   16.

dvividhâni.

Namlich dravyendriya, der Sinn materiell betrachtet, und bhâvendriya, als Zustand betrachtet.

Ein Sinn materiell betrachtet besteht in Anlage und dem Organ selbst.    17.

nirvttyupakarae dravyendriyam.

Nach S. ist bei beiden innerlich und äusserlich zu unter scheiden. Die innere Anlage ist der in dem Baum des betreffenden Organs befindliche âtman; die äussere, der in diesem Raume zur

Bildung des Organs angehäufte und disponierte Stoff (pudgalapracaya). Das innere Organ ist z. B. beim Gesicht der schwarze und der weisse Kreis, der äussere die Augenlider (akipatra), die Wimpern etc.

Der Sinn als Zustand betrachtet ist die Fähigkeit (die betr. Sinnestätigkeit auszuüben) und das

Funktionieren.    18.

labdhyupayogau bhâvendriyam.

Das Funktionieren tritt ein bei Gefühl etc.   19.

upayoga sparâdiu.

S. übergeht dies Sûtra, wie nach Siddhasena scbon andere Kommentatoren getan hatten. Das Funktionieren (upayoga) ist Charakteristikum des jîva II 8, und nach II 9 besteht er in jânopayoga und daranopayoga. Hier ist matijânopayoga gemeint vermittelst der Sinne.

Tastsinn, Geschmacksinn, Geruchsinn, Auge und Ohr (sind die fünf Sinne).    20.

sparanarasanaghrâacakuḥṡrotrâi.

Gefühl, Geschmack, Geruch, Farbe und Ton sind ihre Objekte.    21.

spararasagandhavaraabdâs teâm arthâ.

Mitteilung (ist das Objekt) dessen, was nicht Sinnesorgan ist (d. h. innerer Sinn).     22.

rutam anindriyasya.

Bh. erklärt ruta mit rutajâna. Es scheint dies mit I 14 in Widerspruch zu stehen, wonach matijâna durch indriya und anindriya veranlasst ist. Das scheint S. im Auge zu haben, da

er zwei verschiedene Erklärungen vorbringt. Gemeint ist offenbar, dass der Inhalt von rutajâna nämlich Begriffe, die allein durch Wörter wiedergegeben werden können, Gegenstand des inneren Sinnes bilden.

(Die Elementarwesen) bis inklusive Wind(-Wesen) haben einen Sinn,    23.

vâyvantânâm ekam.

nämlich Gefühl.

Würmer etc., Ameisen etc., Bienen etc., Menschen etc. haben je einen Sinn mehr (als die je

vorausgehende Klasse).    24.

kmipipîlikâbhramaramanuyâdînâm ekaikavddhâni.

Würmer etc. haben Gefühl und Geschmack, Ameisen etc. ausserdem Geruch, und so fort. Das Genauere ist im Uttarâdhyayana Kap. 36, Jîvavicâra etc. zu finden. Einige schalten hier nach

Siddhasena ein Sûtra ein: „Die Kevalins haben keine Sinne".

Die vernünftigen Wesen sind solche mit einem innern Sinn.    25.

sajina samanaskâ.

saja besteht im Urteilen mit Überlegung; die Instinkte sind hier nicht mit saja gemeint, da sie allen Wesen gemein sind.

Die Bewegung (eines Wesens nach seinem Tode um sich aufs neue) zu verkörpern, ist eine Betätigung des Karmanleibes.    26.

vigrahagatau karmayoga.

Betätigung oder Aktion ist yoga, bei lebenden Wesen bedeutet yoga alle Handlungen in Gedanken, Worten und Werken VI 1. yoga ist von upayoga zu unterscheiden, obschon beide

Entwickelungszustände, pariâma, der Wesen sind VII 44; upayoga ist essentiell, yoga ist akzidentell, vergleiche II 8. 9. Über den Karmanleib siebe II 37 ff.

Jede Bewegung ist geradlinig.    27.

anurei gati.

D. b. sie geht von einem Punkte zu den benachbarten in einer Reihe liegenden. Dies gilt von jîva's und materiellen Dingen.

Ohne Richtungsänderung bei den (befreiten) Seelen.     28.

avigrahâ jivasya.

Diese geben nämlich in gerader Linie bis zum höchsten Gipfel der Welt und zwar in einem Momente, wie gleich gesagt wird..

Auch mit Richtungsveränderungen bis zu vier Arten bei den weltlichen Seelen.    29.

vigrahavatî ca sasâria prâk caturbhya.

vigraha Richtungsänderung wird mit vakrita avagraha reyantarasakrânti kauilya erklärt. Die vier Arten sind avigraha, ekavigraha, dvivigraha, trivigraha. Es ist nicht ganz klar, wie man sich dies im Einzelnen zu denken hat.

Die ohne Richtungsänderung dauert nur einen Moment.    30.

ekasamayo 'vigraha.

(Seelen in den drei folgenden Arten bleiben) ein oder zwei Momente ohne Stoffaufnahme.    31.

eka dvau vâ 'nâhâraka.

S. hat ein, zwei oder drei Momente. Die Stoffaufnahme besteht in dem Aufnehmen von materiellen Partikeln, cf. VIII 2. Dies gilt natürlich nur von der nicht verkörperten Seele auf ihrem Wege zu einer neuen Verkörperung oder Geburt.

Koagulation, Konzeption und Manifestation sind (die drei Arten von) Geburt.    32.

samûrchanagarbhopapâtâ janma.

Manifestation (upapâta, wofür S. upapâda hat) bedeutet das plötzliche Erscheinen eines Gottes an dem Orte, wo er infolge seines karman entstehen soll. Ausführlich beschreibt Haribhadra am Ende des ersten Bhava seiner Samarâiccakahâ die Vorgänge bei der Manifestation eines Gottes.

Die Ursprungsstätten (yoni) sind belebt, kalt, minimal mit ihrem Gegenteil, und die Kombination eines mit seinem Gegenteil.    33.

sacittaîtasavrttâ setarâ mirâs cai 'kaas tadyonaya.

Das ergibt neun Arten von yoni: belebt, unbelebt, teils belebt teils unbelebt, etc. Die  Ursprungsstätte der Götter und Höllenwesen ist unbelebt, denn es ist die Summe der materiellen Teilchen an dem Orte, wo sie in die Erscheinung treten. Bei den durch Konzeption Entstehenden ist die Ursprungsstätte (der uterus) belebt und unbelebt; ersteres weil Blut und Samen, die zusammen den Embryo bilden, unbelebt sind, letzteres weil am selben Orte der âtman der Mutter zugegen ist. Bei den durch Koagulation d. h. generatio aequivoca Entstehenden kommen alle drei Fälle vor.

Konzeption (ist die Geburtsart) derer, die aus dem Chorion, aus einem Ei, und als lebendige Junge entstehen.    34.

jarâyvaṇḍpotajânâ garbha.

Das erstere und letztere findet nur bei Säugetieren statt. Worin dieser Unterschied naturgeschichtlich besteht, wüsste ich nicht zu sagen. Aber die Unterscheidung ist allgemein indisch.

Manifestation bei Göttern und Höllenwesen.    35.

nârakadevânâ upapâta.

Bei den übrigen Koagulation.    36.

eââ samûrchanam.

Die übrigen umfassen alle Avertebrata, da Vögel, Reptilien und Fische unter den aus einem Ei entstandenen aufgeführt werden.

Es gibt fünf Leiber: der irdische Leib, der Verwandlungsleib, der Translokationsleib, der feurige Leib, der Karmanleib.    37.

audârikavaikriyâhârakataijasakârmaâni arîrâi.

Der Verwandlungsleib (vaikriya, vaikriyika S.) bewirkt

die Verwandlungen von Zauberern etc.; der Translokationsleib

ermöglicht es den Pûrvadhara's über schwierige Stellen der Schrift

einen in anderen Welten weilenden Arhat zu konsultieren, während

ihr irdischer Leib hienieden bleibt. Der feurige Leib bewirkt

einerseits die Verdauung, anderseits verhilft er Fluch und Segen

heiliger Personen zur Wirkung. Der Karmanleib ist als das

Rezeptakulum des karman zu betrachten, worüber die genaueren

Vorstellungen sich aus VIII 2 ergeben.

Jeder folgende ist feiner als der je vorangehende,    38.

tesâ piara para sûkmam.

Und übertrifft ihn an Punkten unzähligemal; (dies letztere gilt aber nur) bis zum feurigen Leib.   39.

pradeato 'sakhyeyagua prâk taijasât.

Mit Punkten sind bier materielle Punkte gemeint, so dass also die Dichtigkeit, nicht der Umfang, wächst. S. macht den Vergleich von einem Baumwollballen und einem Stück Eisen.

Die beiden letzten unendlichmal,    40.

anantague pare.

Der feurige Leib übertrifft in genannter Hinsicht den Translokationsleib unendlichmal und wird von dem Karmanleib unendlichmal übertroffen. S. sagt, das bei den sasârin's unendlich mal mehr, bei den siddha's unendlichmal weniger gemeint sei.

(Und) begegnen keinem Widerstand,    41.

apratighâte.

Sie gehen durch alles was ihnen entgegensteht hindurch. Erst an der Grenze der Welt müssen sie Halt machen.

Und sind von Anbeginn an (mit der betreffenden Seele) verbunden.    42.

anâdisambandhe ca.

Nach S. bedeutet ca die Zulässigkeit des Gegenteils: die Seele hat immer die beiden Leiber, sie sind aber nicht immer dieselben, sondern es verhalten sich aufeinanderfolgende wie Samen und Pflanze.

Bei einem jeden (weltlichen Wesen).     43.

sarvasya.

Nach Bh. machen einige Lehrer einen Unterschied; der Karmanleib sei nur einer und von Anbeginn mit dem jîva verbunden, während der feurige Leib auch bedingt wird durch die labdhi, d. h. die durch Askese erlangte Vollkommenheit. Es handelt sich dabei aber nach der Erklärung der Kommentare (p. 156) um eine Steigerung seiner Leistungen, wie Wirksamkeit von Fluch und Segen, allerlei Lichterscheinungen, wie Glorie etc.[1]

Von diesen (beiden) ausgehend, kann ein Wesen jenachdem gleichzeitig bis zu vier (dieser Leiber) haben.    44.

tadâdîni bhâjyâni yugapad ekasyâ caturbhya.

Der Verwandlungsleib und der Translokationsleib kommen nie zusammen bei einem Individuum vor, letzterer immer nur zusammen mit dem irdischen Leib. Seiner eigenen Erklärung des Sûtra's widerspricht, und ist daher, wie Siddhasena bemerkt, als die Ansicht der zu dem letzten Sûtra erwähnten Lehrer zu betrachten, wenn Umâsvâti p. 54 1. 4 sagt, dass der irdische Leib auch für sich allein vorkomme.

Der letzte ist nicht genussfahig.    45.

nirupabhogam antyam.

Der Karmanleib geniesst nicht Lust und Schmerzen, er bindet nicht karman, noch empfindet er es, noch konsumiert er es, wohl aber die anderen Leiber. Nach S. ist der feurige Leib in dieser Beziehung dem Karmanleib gleichgestellt; er werde aber hier nicht genannt, weil ihm keine Betätigung yoga zukomme wie dem Karmanleibe (II 26); darum komme er hier nicht in Betracht.

Der erste (d.h. der irdische Leib) entsteht durch Konzeption und Koagulation;    46.

garbhasammûrchanajam âdyam.

Der Verwandlungsleib durch Manifestation,    47.

vaikriyam oupapâtikam.

Ersterer bei allen Wesen auf Erden, letzterer laut II 35 bei Göttern und Höllenwesen.

Und auch auf Grund höherer Vollkommenheit.    48.

labdhipratyaya ca.

Höhere Vollkommenheit labdhi entsteht durch bestimmte Askese; hier bedeutet labdhi etwas anderes als in II 18, wo es von S. mit dem teilweisen Schwund von jânâvaraâ erklärt wird.

Hierauf folgt in S. ein Sûtra taijasam api: auch der feurige Leib (wird auf Grund höherer Vollkommenheit erlangt). Bh. bat diese Worte nach dem Bhâya des folgenden Sûtra, und sie werden in einigen Mss. als besonderes Sûtra gezählt.

Der Translokationsleib ist gut, rein, ohne aktiven und passiven Widerstand (und findet sich) nur bei den Caturdaapûrvadhara's.    49.

ubha viuddham avyâghâti câ 'hâraka caturdaapûrvadkkarasyai 'va.

Er besteht aus guter und reiner Substanz, dravya, nach S. aus ebensolchem karman; wobei rein = puya wäre. Auch dieser Leib wird auf Grund höherer Vollkommenheit erlangt und, nachdem er seinen Zweck erfüllt hat, wieder aufgegeben, in einem Bruchteil eines muhurta. Statt caturdaapûrvadharasyaiva liest S. pramattasayatasyaiva, d. h. ein nicht vollkommener Asket. Derselbe mache Gebrauch von diesem Leibe, sei es um seine höhere

Vollkommenheit kundzutun, sei es um dunkle Begriffe aufzuhellen (cf. 37) und um seine Ordensregel einhalten zu können.

Die Höllenwesen und die durch Koagulation entstandenen Wesen sind geschlechtslos;    50.

nârakasammûrchino napusakâni.

Nicht aber die Götter.     51.

na devâ.

Bh. sagt, dass also die drei Arten der Sexualität (veda): männlich, weiblich und sächlich, nur bei den durch Konzeption entstehenden (cf. 34) vorkomme. S. macht daraus ein Sûtra: eas

trivedâ.

Bei allen denjenigen, welche durch Manifestation entstehen, welche in ihrer letzten Existenz sind,  bei den höchsten Menschen und bei Wesen, welche eine Lebensdauer von unzähligen Jahren haben, kann die Lebensdauer nicht verkürzt werden.    52.

aupapâtikacaramadehottamapuruâsakhyeyavarâyuo 'napavartyâyua.

Die Verkürzung (apavartana) besteht darin, dass das fällige karmaphala in weniger als einem muhûrta schnell sich realisiert; es ist also ein beschleunigter Verbrauch des karman. Die Ursache dieses schnellen Verbrauches heisst upakrama, also Todesursache. Es gibt aber auch Todesursachen, die nicht eine Verkürzung der Lebensdauer zur Folge haben.

Die aupapâtika (Götter und Höllenwesen) und asakhyeyavarâyus sind nirupakrama, bei ihnen hört das Leben von selbst auf; die caramadeha‘s sind sopakrama und nirupakrama. — Der Unterschied von sopakrama und nirupakrama karman findet sich auch in Patajali's Yoga Sûtra III 22 (21), und im Bhâya kommen auch zwei von den drei Gleichnissen Umâsvâti's vor: nämlich: wie ein feuchtes Tuch schneller trocknet, wenn aufgerollt, als wenn

zusammengeballt, oder wie vom Wind angefachtes Feuer einen dürren Grasplatz schneller abbrennt als einen Haufen Heu, so wird das sopakrama karman schneller aufgebraucht als das nirupakrama.


 

[1] Nicht um die Hervorbringung des feurigen Leibes, wie jene Lehrer meinen. Der Grund der Meinungsverschiedenheit scheint mir darin zu liegen, dass die Funktionen des feurigen Leibes zwei ganz verschiedene sind, nämlich einesteils Verdauung, welche allen Wesen ohne Unterschied gemein ist, und gewisse Wunderkräfte. Diejenigen, welche den feurigen Leib nur als gelegentlich dem jîva zukommend betrachten, müssen die Verdauung dem kârmaaarîra oder einer Seite desselben zugeschrieben haben. Haribhadra scheint p 56, 19 f. den taijasn als eine Art des kârmaaarîra zu betrachten, wo er sagt: (taijasam) labdhinimittam api, na tu lahdhinimittam eva; kârmaabhedasya uṣṇalakaasya rasâdyâhârapâkajanakasya bhâvâd iti.