Tattvârthâdhigama Sûtra des Umâsvâti.

 

Sechstes Kapitel.

 

       Die Tatigkeit von Leib, Rede und innerem Sinn heisst Betätigung.    1.

            kâyavâmanakarma yoga.

S. nennt yoga eine Bewegung der Teilchen in der Seele (âtmana pradeaparispanda).

 

       Sie ist Influenz.    2.

            sa âsrava.

Wie ein Zufluss oder Abfluss eines Sees so heisst, weil durch ihn Wasser zu- oder abfliesst, so fliesst auch zur Seele karman durch den Kanal in Gestalt der Tätigkeit, die darum Influenz heisst. karman ist nun entweder Verdienst (puya) oder Schuld (pâpa).

 

       Gute (Tätigkeit) ist Influenz von Verdienst;    3.

            ubha puyasya.

 

       Schlechte von Schuld.    4.

            aubha pâpasya.

S. macht ein Sûtra aus beiden. Worin puya karma besteht, wird VIII 26 gelehrt.

 

       Die Betätigung ist für den in Leidenschaft Befangenen Influenz von Dauerkarman, für den Leidenschaftlosen von Momentankarman.    5.

            sakaâyâkaâyayo sâmparâyikeryâpathayo.

kaâya (krodha mâna mâyâ lobha) Leidenschaft wird von S. als metaphorische Verwendung des Wortes kaâya „Harz“ erklärt, weil durch kaâya der Seele karman anklebt. Dauerkarman sâmparâyika, von samparâya = sasâra, weil dies karman Ursache des sasâra ist, während das îryâpatha nur einen Moment dauert. Es ist dasjenige karman, welches mit den vorgeschriebenen religiösen Handlungen verbunden ist; jede Handlung hat ja nach 1) und

2) karman zur Folge; aber religiöse Handlungen dürfen doch keine die Seele bindende Folgen haben. Darum hat dies karman nur einen Moment Bestand.

 

       Die Arten des ersteren sind die 5 Kardinallaster, die 4 Leidenschaften, die 5 (nicht gezügelten) Sinne und die 25 Handlungen.    6.

            avratakaâyendriydkriyâ pacacatupacapacaviṃṡatisakhyâ pûrvasya bhedâ.

avrata, Kardinallaster, bestehen in der Übertretung der fünf Gebote (VII 8), also Töten, Lügen, Stehlen, Unkeuschheit und Verlangen nach Besitz. Die 25 krtyâ's werden in Bh. in Gruppen von je fünf aufgezählt und in S. erklärt. Es sind nicht bloß Sünden im eigentlichen Sinne, sondern auch verdienstliche Werke, wie samyaktva und selbst îryâpatha.

 

       Jede von diesen (Influenzen) ist unterschiedlich je nach dem stärkeren oder schwächeren Grade, ob mit Bewusstsein oder in Unwissenheit verübt, je nach der Energie und dem Objekt.    7.

            tîvramandajâtâjnâtabhâvavîryâdhikaraavieebhyas tadvieah.

vîrya, Energie, ist ein kâyopaamika oder kâyika-Zustand der Seele, cf. II 4, 5.

 

       Das Objekt ist entweder Lebendes oder Lebloses.    8.

            adhikaraa jîvâjîvâ.

 

       Ersteres ist dreifach, je nach dem die Tat leidenschaftlich, peinigend oder mörderisch ist; dreifach nach der Betätigung (d. h. Gedanke, Worte, Werke); dreifach je nach dem man die Tat selbst begeht, von andern begehen lässt oder ihr zustimmt; vierfach nach den (vier) Leidenschaften.    9.

            âdyam sarambhasamârambhârambhayogaktakâritânumatakaâyavieais

tris tris tri catu cai 'kaa.

Durch Kombination dieser vier verschiedenen Einteilungen ergeben sich also 108 Arten des jîvâdhikaraam.

 

       Das letztere (d. h. lebloses Objekt) ist Hervorbringung, Niedersetzen, Zusammenfügung und Äusserung, und diese sind der Reihe nach je 2, 4, 2, 3. —    10.

            nirvartanânikepasayoganisargâ dvicaturdvitribhedâ param.

Hervorbringung bezieht sich entweder auf die primären Sachen (mûlagua), nämlich die 5 Körper, Sprache, innerer Sinn, Ein- und Ausatmen, oder auf sekundäre Sachen wie Bearbeitung von Holz, Schreiben, Malen etc. Das Niedersetzen ist vierfach, je nachdem der Platz nicht inspiziert, oder schlecht abgewischt ist, oder weder das eine noch das andere geschehen ist, oder das Niedersetzen eilig geschieht. Zusammenfügung betrifft sowohl Essen und Trinken als auch Gerätschaften (upakaraa). Äusserung ist Leibesentleerung, Gebrauch der Sprache und Gebrauch des innern Sinnes.

Jetzt werden die Influenzen für die verschiedenen Arten von karman (cf. VIII 5) durchgegangen.

 

       (Die Influenz) von Wissens- und Glaubenshemmnis ist, wenn man sie missachtet, verleugnet, missgünstig behandelt, hindert, unterdrückt oder in ihr Gegenteil verkehrt.    11.

            tatpradoanihnavamâtsaryântarâyâsâdanopaghâtâ jânadaranâvaraayo.

Mit „sie“ sind 1) Wissen und Glauben, 2) diejenigen, welche sie besitzen, und 3) das was sie erzeugt, gemeint.

 

       Von asadvedya: Leid, Trauer, Kummer, Schluchzen, Töten und Wehklagen, so man selbst oder ein Anderer oder Beide zugleich haben.    12.

            dukhaokatâpâkrandanavadhaparidevanâny âtmaparobhayasthâny asadvedyasya.

asadvedya heisst dasjenige karman, welches, indem es sich realisiert, dem Betreffenden Schmerz bereitet, während sadvedya sich unter Freuden realisiert.

 

       Von sadvedya: Mitleid gegenuber den Wesen und (speziell) den die Gebote haltenden, Almosenspenden, unlautere Befolgung der Gebote etc., achtbarer Wandel, Sanftmut und Begierdelosigkeit.    13.

            bhûtavratyanukampâ dâna sarâgasayamâdi yoga kânti aucam iti sadvedyasya.

            Das „etc.“ meint das in Sûtra 20 Aufgeführte.

 

       Von Glaubensverwirrung : Lästerung der Kevalin's, der heiligen Schrift, der Kirche, des Gesetzes und der Götter.    14.

            kevalirutasaghadharmadevâvaravâdo daranamohasya.

 

       Von Wandelsverwirrung[1]: der durch das zur Geltunggelangen der Leidenschaften entstehende schlimme Zustand der Seele.    15.

            kaâyodayât tîvrâtmapariâmai câritramohasya.

Im Kommentar zu diesem Sûtra nennt S. noch eine Anzahl von vedanîya, hâsya vedanîya etc., die in der Aufzählung der Arten des mohanîya in VIII 10 den Schluss bilden.

 

       Von âyus der Höllenwesen: in reichlichem Masse andere zu peinigen und nach Besitz zu streben.    16.

            bahcârambhaparigrahatca ca nârakasyâ "yuah.

âyus oder âyuka ist das karman, welches die Lebensdauer bestimmt. Es ist von nâman zu unterscheiden. Nâmakarman bestimmt z. B. dass Jemand als Höllenwesen geboren wird, das ist das nâraka-nâman; dagegen bestimmt das nârakâyuka, wie lange er als das betreffende Höllenwesen zu leben hat.

 

       Von dem der Tiere: Betrug.    17.

            mâyâ tairyagyonasya.

 

       Von dem der Menschen: in geringem Masse andere zu peinigen und nach Besitz zu streben, sowie natürliche Demut und Aufrichtigkeit.    18.

            alpârambhaparigrahatva svabhâvamârdavârjava ca mânuasya.

 

       Von dem aller (drei genannten) ausserdem die Hintansetzung der Gelübde und Gebote.    19.

            niḥṡîlavratatva ca sarveâ.

            Die Gelübde werden VII 16 f. genannt.

 

       Von dem der Götter: die unlautere Befolgung der grossen Gebote, die Befolgung der kleinen Gebote, die unfreiwillige Tilgung des karman, und die törichte Askese.    20.

            sarâgasayamasayamâsayamâkâmanirjarâbâlatapâsi daivasya.

sayama ist synonym mit virati und vrata VII 1; über die grossen und kleinen Gebote VII 2; über nirjarâ VIII 24. akâmanirjarâ, unfreiwillige Tilgung des karman, wird von demjenigen

ausgesagt, der nicht aus innerster Überzeugung, sondern unfreiwillig oder andern zu Liebe an sich verdienstliche Werke tut. Törichte Askese bâlatapas ist die von Ketzern geübte, speziell der religiöse Tod durch Feuer, Wasser, Stürzen von einem Abhang etc.; die richtige Art den Tod herbeizuführen wird in VII, 17 besprochen. — S. fügt als weiteres Sûtra hinzu: samyaktva ca.

 

       Von üblem nâman: schlechte Betätigung und Widerspruch (gegen die gute des Nächsten).    21.

            yogavakratâ visavâdanaubhasya nâmna.

 

       Von gutem (nâman) : das Gegenteil.    22.

            viparîta ubhasya.

Über nâmakarman vgl. VIII 12; es bewirkt die Qualität von Sachen und Personen, soweit diese nicht in den Wirkungskreis einer anderen karman-Art fallen.

 

       Von dem nâman eines Tîrthakara: Vollkommenheit des Glaubens, Besitz der Ehrfurcht, kein Verstoss gegen die Gelübde und Gebote, beständige Ausübung des Erkennens und Weltschmerz, nach Kräften Spenden und Askese, Beistand und Dienstfertigkeit gegenüber der Gemeinde und den Mönchen. Liebe zu den Arhat's, Meistern, Weisen und der Lehre, die Einhaltung der Âvayaka's, die Verherrlichung des Heilsweges, Zuneigung zu (den Bekennern der wahren) Religion.    23.

            daranaviuddhir vinayasampannatâ. îlavratev anaticâro 'bhîkṣṇa jânopayogasavegau aktitas tyâgatapasî saghasâdhusamâdhivaiyâvtyakaraam arhadâcâryabahurutapravacanabhaktir âvayakâparihâir mârgapralhâvanâ pravacanavatsalatvam iti tîrthakttvasya.

Über die Âvayaka cf. Bhandarkar, Report 98, n. ++.

 

       Von den niedrigen gotra's: Tadel Anderer und Eigenlob sowie Verschweigen guter und Aufdecken schlechter Eigenschaften.    24.

            parâtmanindâpraase sadasadguâcchâdanodbhâvane ca nîcairgotrasya.

Das letzte könnte auch heissen: Das Erdichten nicht vorhandener Eigenschaften. — gotra-karman bewirkt, dass der Betreffende in diesem oder jenem Geschlechte, Stande etc. geboren werde, vgl. VIII 13.

       Von den hohen gotra's: das Gegenteil sowie Bescheidenheit.    25.

            tadviparyayo nîcairvttyanutsekau co ‘ttarasya.

Bescheidenheit umfasst die Bedeutung von nîcairvtti, Ehrfurcht gegenüber (dem innern Werte nach) Hochstehenden, und anutseka, Mangel an Einbildung auf eigene Vorzüge.

 

       Von dem des antarâya: das Bereiten von Hindernissen.    26.

            vighnakaraam antarâyasya.

Über antarâya vgl. VIII 14. Es verhindert die Ausübung von Gutem und die Erlangung von Angenehmem.


 

[1]Wandel“ habe ich in andern Schriften auch mit „Verhalten“ übersetzt, hier würde dies den adäquaten Begriff „Verhaltensverwirrung“ ergeben. AΩ