Tattvârthâdhigama Sûtra des Umâsvâti.

 

Achtes Kapitel.

 

       Ursache der Bindung sind falscher Glaube, Nichtbeachtung der Gebote, Unachtsamkeit, die Leidenschaften und die Betätigung.    1.

            mithyâdaranâviratipramâdakaâyayogâ bandhahetava.

virati siebe VII 1, kaâya VIII 10, yoga VI 1. Falscher Glaube ist entweder abhighîta, d. h. erworben, wenn man eine der 363 falschen Lehren annimmt, oder anabhighîta, d. h. ohne

fremde Hülfe eingetreten.

 

       Weil die weltliche Seele Leidenschaften hat, nimmt sie Stoffe auf, die für das karman geeignet sind.    2.

            sakaâyatvâj jîva karmao yogyân pudgalân âdatte.

Die Jaina's betrachten karman nicht als eine Eigenschaft des âtman in der Form von adṛṣṭa wie z. B. die Vaieika's, sondern das karman ist etwas materielles, wie auch der oft ausgesprochene Satz: paudgala karma besagt, karmao yogyân, Stoffe, die für das karman geeignet sind, bedeutet Stoffe, die karman zu werden fähig sind. Indem diese in ihrer Gesamtheit die Seele infizieren oder erfüllen, bringen sie die Bindung hervor. Wie verschiedene Ingredienzen in einem Gefäss zu einem geistigen Getränke vergären, so bildet sich das karman aus den Stoffen, die dazu geeignet sind, woraus dann, wenn ich es richtig fasse, der Karmanleib kârmaaarîra entsteht, bez. diesem, der uranfänglich ist, stets neues

Material zugeführt wird.

 

       Darin besteht die Bindung.    3.

            sa bandha.

 

       Deren Eigentümlichkeiten sind Art, Dauer, Kraft und Dimension. 4.

            praktisthityanubhâvapradeâs tadvidhaya.

 

       Die erste ist Wissensbinderung, Glaubenshinderung, das Zufühlende, das Verwirrende, Lebensdauer, Individualität, nâma, gotra und das Hindernde.    5.

            âdyo jânadaraâvaravedanîyamohanîyâyukanâmagôtrântarâyâ.

Dies sind also die acht Arten der Bindung, denen dieselben acht Arten von karman entsprechen. Die mit einer Modifikation des âtman (âtmapariâmena) aufgenommenen Stoffe werden zu diesen 8 Arten von karman, gerade so wie die in einer Mahlzeit aufgenommene Speise sich in Blut und die übrigen Körpersäfte verwandelt (S.).

 

       Diese zerfallen der Reihe nach in 5, 9, 2, 28, 4, 42, 2 und 5 Unterarten.    6.

            pacanavadvyaṣṭâviṃṡaticaturdvicatvâriṃṡaddvipacabhedâ yathâkramam.

 

Nämlich Wissenshinderung (jânâvaraa): von mati etc.    7.

            matyâdînâm.

Nach den fünf Arten des Erkennens (vgl. I 9) gibt es auch fünf Arten von Wissenshinderung.

Glaubenshinderung (daranâvaraa):

 

       Hinderung des cakur-, acakur-, avadhi- und kevaladarana und was empfunden wird als Schlaf, intensiver Schlaf, innere Erregung, intensive innere Erregung und Gier in der Erstarrung.    8.

            cakuracakuravadhikevalânâ nidrânidrânidrâpracalâpracalâpracalâstyârtagddhivedanîyâni ca.

Von diesen neun Arten der Glaubenshinderung sind die vier ersten die Hinderungen der vier Arten des Glaubens, vgl. II 5; die fünf letzten scheinen sich auf Glauben im allgemeinen zu beziehen, insofern es durch physopsychologische Zustände verhindert wird. Die Gier in der Erstarrung bedeutet Nachtwandeln und, obschon es nicht ausdrücklich gesagt wird, Handlungen in andern bewusstlosen Zuständen (cf. Vâsupûjyacarita 2, 534).

Das zu fühlende (vedanîya):

 

       Was als Lust, und was als Leid empfunden wird.    9.

            sadasadvedye.

Es ist also dasjenige karman gemeint, welches Lust oder Leid erzeugt, während die andern Arten von karman andere Folgen haben, die nicht direkt als Lust oder Leid empfunden werden, z. B. das nokaâyavedanîya , ein karman, das als Spaß, Vergnügungssucht etc. bewußt wird, d. h. also diese Zustände verursacht. Damit ist aber noch nicht seine Wirksamkeit erschöpft, sondern diese besteht darin, durch jene Zustände den rechten Wandel

zu stören und zu verhindern; daher dies karman, obgleich vedanîya benannt, in die Klasse des mohanîya, der Störungen gehört.

            Die Störung (mohanîya) ist zweifach:

 

       Glaubensstörung und Wandelstörung (letztere ist zweifach:) was als Leidenschaft gefühlt wird, und was als Nicht-Leidenschaft gefühlt wird. (Diese vier) haben der Reihe nach 3, 2, 16, 9 Unterarten. (Glaubensstörung ist) Rechtheit, Irrigkeit und eine Mischung beider; (von Wandelstörung) Leidenschaft und Nicht-Leidenschaft; (Leidenschaft ist zunächst) verschieden als in endlosen Irrtum stürzend, Nicht-Entsagung, Entsagungshinderung und Entflammung; jedes von diesen ist vierfach als Zorn, Stolz, Trug und Gier; (die Nicht-Leidenschaft): Spaß, Vergnügen, Überdruss, Traurigkeit, Furcht, Scheelsucht, Weiblichkeit, Männlichkeit und drittes Geschlecht.    10.

            daranacâritramohanîyakaâyanokaâyavedanîyâkhyâs tridvioaanavabhedâ

samyaktvamithyâtvatadubhayâni kaâyanokaâyâv anantânubandhyapratyâkhyânapratyâkhyânâvaraasajvalanavikalpâ cai

'kaa krodhamânamâyâlobhâ hâsyaratyaratiokabhayajugupsâetrîpiunapusakavedâ.

Es könnte befremden, dass samyaktva hier als mohanîya bezeichnet wird; doch erinnere man sich, dass nach II 3—5 drei Grade von samyaktva, je nach dem der aupaamika, kâyika oder kâyopaamika-Zustand des jîva vorwaltet, unterschieden werden müssen. Die Leidenschaften stören in verschiedener Weise: 1) verhindern oder vernichten sie rechten Glauben; 2) bewirken sie Nicht-Enthaltung und verhindern dadurch das Ablassen (virati) von den Todsünden; 3) als Entsagungshinderung lassen sie zwar ein beschränktes Ablassen viratâvirati zu, nicht aber rechten Wandel, 4) wirken sie entflammend; was damit gemeint sei, entzieht sich mir.

Die Nicht-Leidenschaften bedürfen keiner näheren Erläuterung, bis auf die letzten drei; Weiblichkeit, strîveda, bewirkt die dem Weibe eigentümlichen Zustände etc.

            Das auf die Lebensdauer bezügliche karman ist vierfach:

 

       Das der Höllenwesen, Tiere, Menschen und Götter.   11.

            nârakatairyagyonamânuadaivâni.

Das karman, welches das Individuelle bewirkt, nâman, hat

42 Arten. Ausnahmsweise verbinde ich die Erklärung mit dem Text.

            gatijâtiarîragopâganirmânabandhanasaghâtasasthânasahananaspararasagandhavarânupûrvyagurulaghûpaghâtaparâghâtâtapoddyotocchvâsavihâyogataya pratyekaarîratrasasubhagasusvaraubhasûkmaparyâptasthirâdeyayaâsi

setarâni tîrthakttva ca.

1) Wesenstufe, gati, (als Höllenwesen etc.). 2) Wesenklasse, jâti. Die Haupteinteilung ist nach der Anzahl der Sinnesorgane als ekendriya bis pacendriya. Diese zerfallen wieder in zahlreiche Unterabteilungen, worüber man Uttarâdhyayana Kap. 36

nachlesen möge. 3) Leiber (nämlich die fünf Leiber, vgl. II 37 ff.). 4) Haupt- und Nebenkörperteile. (Hauptkörperteile sind Kopf, Brust, Rucken, Arme, Bauch, Beine; die übrigen sind Nebenkörperteile. Alle sind entweder von dem irdischen Leib oder

dem Verwandlungsleib oder dem Translokationsleib zu verstehen). 5) Bildung. (Dadurch wird Art und Grösse der Körper etc. bestimmt.) 6) Verband. (Dadurch werden die Teile zu einem Organismus verbunden.) 7) Zusammenhalt (von Aggregaten). 8) Figur (vom Körper: wohlproportioniert, untersetzt, schief, bucklig, zwerghaft und tölpelhaft. — Untersetzt scheint hier die Bedeutung von nyagrodhaparimaṇḍala zu sein). 9) Festigkeit

(des Knochengerüstes bez. Körperbaus; sechs Arten werden unterschieden als vajrarabhanârâca, ardhav°, nârâca etc.). 10) Gefühl. 11) Geschmack. 12) Geruch. 13) Farbe (die Unterarten von Nr. 10—13 sind V 23 angegeben). 14) Sukzession. (Dasjenige, was bewirkt, das ein Gestorbener auf der ihm zukommenden Wesenstufe geboren wird; vierfach nach den 4 gati's.) 15) Schwere und Gewichtlosigkeit. 16) Selbstvernichtung. 17) Vernichtung durch Andere. (Die Übersetzung von Nr. 16 und 17 nach der Erklärung von S. Selbstvernichtung beim Selbstmord. Bh. gibt von 16 noch eine zweite Erklärung: was den eigenen Sieg verhindert, und erklärt 17 dieser zweiten Bedeutung analog.) 18) Wärmeausstrahlung. 19) Lichtausstrahlung (18 bei

der Sonne, 19 bei dem Monde, Leuchtkäfern etc.). 20) Atmung. 21) Fliegen. (Die folgenden sind Paare, jedes) mit seinem Gegenteil: 22) gemeinschaftlicher und 23) individueller Leib (ein vielen jîva's gemeinschaftlicher Leib findet sich bei Pflanzen etc., während die meisten jîva's je einen Leib für sich zu eigen haben). 24) beweglicher und 25) unbeweglicher Leib. 26) sympathisch und 27) unsympathisch. 28) wohltönend und 29) schlechttönend. 30) günstig und 31) ungünstig. 32) feiner Leib und 33) grober Leib. 34) vollkommene Entwicklung und 35) Mangel derselben. (Vollkommene Entwicklung ist das zum Abschlusskommen einer Tätigkeit des âtman. Es gibt fünf paryâpti‘s; sie betreffen Ernährung, Leib, Organe, Atmung und Sprache. Die Ernährungsentwicklung ist die Fähigkeit bez. die Bildung der Fähigkeit zur Aufnahme von Stoffen, deren Leib, Organe etc. bedürfen; Leibeatwicklung die Fähigkeit, diese Nahrung passend zu assimilieren oder in den Leib umzubilden; Organentwicklung, die Fähigkeit, die Organe hervorzubringen; die Atmungs- und Sprachentwicklung bestehen in der Fähigkeit, die der Atmung, bez. der Sprache angemessenen Stoffe aufzunehmen und zu emittieren. Einige nehmen noch eine manaparyâpti an, die den beiden letzten analog ist. Diese Entwicklungen beginnen zwar gleichzeitig, erreichen aber erst nacheinander, in der genannten Reihenfolge ihre Vollendung). 36) fest und 37) nicht fest.

38) begehrenswert und 39) nicht begehrenswert. 40) Ruhm und 41) Schande, und 42) Tîrthakarastellung.   12.

Das nâmakarman ist also dasjenige karman, welches das in obigen 42 Nummern genannte hervorbringt.

            Das gotrakarman ist:

 

       hoch und niedrig.    13.

            uccair nîcai ca.

Das uccairgotra bewirkt vorzügliche Nationalität, Kaste, Familie, Ansehn, Macht etc., nîcairgotra das Gegenteil.

 

            Das antarâyakarman betrifft

       Geben etc.    14.

            dânâdînâm.

Dies karman macht, dass der Betreffende, obschon er geben möchte, dennoch nichts gibt; und so bei lâbha, bhoga, upabhoga und vîrya.

Jetzt wird die Dauer oder der Bestand der genannten acht Arten karman angegeben:

 

       Die längste Dauer der drei ersten und des antarâya ist dreißig koîkoî's von sâgaropama's,    15.

            âditae tisṛṇâm antarâyasya ca triṃṡatsâgaropamakoîkoya parâ sthiti.

 

       des mohanîya siebenzig,    16.

            saptatir mohanîyasya.

 

       von nâman und gotra zwanzig,    17.

            nâmagotrayor viṃṡati.

 

       des âyuka dreiunddreißig sâgaropama's.    18.

            trayastriṃṡat sâgaropamây âyukasya.

 

       Die kürzeste Dauer des vedanîya ist zwölf muhûrta's,    19.

            aparâ dvâdaa muhûrtâ vedanîyasya.

 

       von nâman und gotra acht,    20.

            nâmagotrayor aṣṭau.

 

       von den übrigen weniger als ein muhûrta.    21.

            eââm antarmuhûrtam.

 

            Jetzt wird die Kraft, anubhâva, behandelt:

       Die Kraft ist die Realisation,    22.

            vipâko 'nubhâavah.

d. h. das karman übt seine Kraft aus, indem es sich realisiert (vipâka). Jedes karman einer der 8 Hauptarten (mûlaprakti) kann sich nur als dieses, nicht als eins einer anderen Art realisieren. Doch innerhalb derselben Art kann eine Unterart (uttaraprakti) sich wohl in Form einer anderen realisieren, ausgenommen im âyuka; ein Wechsel ist auch ausgeschlossen zwischen daranamohanîya und câritramohanîya, und zwischen samyaktvavedanîya und mithyâtvavedanîya. — Jedes karman kann beschleunigte Realisierung (apavartana) erfahren, worüber oben II 52 mit Bezug auf âyuka gehandelt worden ist.

 

       Diese ist dem Namen (des betr. karman) entsprechend.    23.

            sa yathânâma.

 

       Auch dadurch tritt Tilgung ein.    24.

            tata ca nirjarâ.

d. h. indem das karman sich realisiert, schwindet es (nirjarâ), es wird verzehrt. Das „auch“ in obigem Sûtra deutet an, das dies auch durch Askese geschieht, vgl. IX 3.

 

       In allen Punkten des Âtman werden unendlich mal unendlich viele materielle Punkte (die das karman bilden sollen) auf Grund des Namens (d. h. des karman's siehe 23) allerwärts (nach S. in allen Existenzen) je nach der Betätigung (yoga VI 1) gebunden, und zwar feine, in einem Raume befindliche, ruhende.    25.

            nâmapratyayâh sarvato yogavieât sûkmaikaketrâvagâhasthitâ sarvâtmapradeev anantânantapradeâ.

Es ist also jeder Punkt des Atman von unendlich mal unendlich vielen materiellen Punkten erfüllt, aus denen karman entstehen soll (vgl. VIII 2), indem sie sich dem âtman assimilieren, infolge der Betätigung (yogavaâd âtmasât kriyante S.). Vgl. das zu V 2 gesagte. Was ekaketrâvagâha „in einem Raum befindlich“ eigentlich bedeutet, darüber sprechen sich die Kommentare nicht klar aus. Vielleicht ist nur damit gemeint, das diese Bindung in dem Raume des betr. jîva vor sich geht und nicht ausserhalb.

 

       Verdienst ist sadvedya, Rechtheit, Vergnügen, Männlichkeit, günstiges âyuka (d. h. Menschliches oder göttliches), günstiges nâman und gôtra.    26.

            sadvedyasamyaktvahâsyaratipuruavedaubhâyurnâmagotrâi puyam.

Diese Arten von karman bilden also das, „Verdienst“, den Lohn der Tugend. Alles andere ist „Schuld“, Strafe für die Sünde.