Tattvârthâdhigama Sûtra des Umâsvâti.

 

Neuntes Kapitel.

 

       Die Unterdrückung der Influenz ist Abwehr.    1.

            âsravanirodha savara.

 

       Diese wird erlangt I. durch die (drei Arten) der Zucht, II. (die 5 Arten) der Behutsamkeit, III. das (zehnfache) Gesetz, IV. die (12) Reflexionen, V. die Überwindung der (22) Mühsalen, VI. den (fünffachen) Wandel,    2.

            sa guptisamitidharmânuprekâparîahajayacâritrai.

 

       und VII. durch Askese (durch letztere) auch Tilgung.    3.

            tapasâ nirjarâ ca.

 

       I. Die richtige Regelung der Betätigung ist die Zucht.    4.

            samyagyoganigraho gupti.

Diese ist 1) Zucht des Körpers, d. h. Regelung der Handlungen des Körpers in Bezug auf Liegen , Sitzen , Stehen , Wandeln , Aufheben und Niederlegen; 2) Zucht der Rede, d. h. Regelung der Sprache im Bitten, Fragen und Beantworten, oder des Stillschweigens; 3) Zucht des Geistes, d. h. Wollen von Heilsamem, Nichtwollen von Sündhaftem und Indifferentem.

 

       II. Behutsamkeit des Ganges, der Rede, des Almosensammelns, des Aufhebens, des Niedersetzens und der Entleerung.    5.

            îryâbhâaiaâdânanikepotsargâ samitaya.

Behutsamkeit des Ganges beobachtet ein Mönch, wenn er beim Gehen seinen Blick nur ein yuga (= 4 hasta's) vorausrichtet; Behutsamkeit der Rede, wenn er nur Nötiges, Wahres,

Gutes spricht; Behutsamkeit des Almosensammelns, wenn er nur um das bittet, was das religiöse Leben erfordert unter Vermeidung der kanonischen Fehler; Behutsamkeit im Aufheben und Niederlegen, wenn er die Sache, bez. den Platz, welche, bez. wo, er sie aufhebt oder niederlegt, vorher inspiziert und abwischt; Behutsamkeit in der Entleerung, wenn er seine Entleerungen auf einem von allem Lebenden freien Platz vornimmt, den er vorher inspiziert und abgewischt hat. Diese 5 Arten der Behutsamkeit dienen dazu, die Tötung oder Schädigung lebender Wesen jedweder Art zu verhindern. Ausführlich handelt darüber der zweite Srutaskandha des Âcârâga-Sûtra.

 

       III. Das oberste Gesetz (für Mönche) besteht in 1) Langmut, 2) Demut, 3) Lauterkeit (der Gesinnung), 4) Begierdelosigkeit, 5) Wahrhaftigkeit, 6) Selbstzucht, 7) Askese, 8) Enthaltung, 9) freiwilliger Armut und 10) geistlichem Gehorsam.    6.

            uttama kamâmârdavârjavaaucasatyasayamatapastyâgâkicanyabrahmacaryâi

dharma.

Vgl. den daalakaako dharma bei Manu VI 92. Die ersten vier Tugenden bilden das Gegenstuck zu den vier Todsünden. Die Bedeutung von auca , eigentlich: Reinheit der Gesinnung (bhâvaviuddhi) ergibt sich aus dem Gegenteil lobha, Begierde; sie besteht also darin, dass man nach nichts begehrt, selbst nicht nach dem, was zum geistlichen Leben nötig ist. Wahrhaftigkeit, satya, ist positiv die Tugend, die negativ durch das zweite Gebot

ausgesprochen wird; es ist also die Wahrhaftigkeit gepaart mit wohlwollender und lauterer Gesinnung. Selbstzucht, sayama ist vollständige Herrschaft über sein Tun (yoganigraha); sie beruht auf den gupti's und samiti's und besteht in der Enthaltung von dem, was irgend ein lebendes Wesen schädigen könnte, und von dem, was die Sinne reizt. Über Askese wird weiter unten 19 und 20 gehandelt. Enthaltung, tyâga, bezieht sich auf sündhafte Gedanken; nach S. ist es aber Mitteilsamkeit und besteht in der Mitteilung des Wissens. Freiwillige Armut besteht in der vollständigen Besitzlosigkeit, wobei man auch die Ausrüstung, die zum geistlichen Leben gehört, nicht als sein Eigentum betrachtet. Geistlicher Gehorsam, brahmacarya, umfasst, sowohl Keuschheit und Gleichgültigkeit gegen alles Angenehme als auch die Unterordnung unter den guru, wie es ja auch beim brahmanischen brahmacârin von jeher galt.

 

       IV. Die (12) Reflexionen bestehen in dem Erwägen der Vergänglichkeit (der Dinge), der Hilflosigkeit (des Menschen), des Sasâra, des Alleinstehens (des Menschen), der Heterogenität (der Seele vom Leibe), der Unreinheit (des Leibes), der Influenz, der Abwehr, der Tilgung, der Welt, der Seltenheit der Erleuchtung und der durch das Gesetz wohl verkündeten Wahrheit.    7.

            anityâaraasasâraikatvânyatvâucitvâeravasavaranirjarâlokabodhidurlabhadharmasvâkhyâtatattvânucintanam anuprekâ.

Diese Reflexionen bilden einen beliebten Gegenstand der Jaina-Homiletik. Bh. widmet ihnen beinahe 7 Seiten seines Kommentars; sie bilden den Gegenstand von Hemacandra's bhavabhâvanâ und von Kârttikeyasvâmin's kârttikeyânupreksâ.

 

       V. Um nicht vom Heilswege abzukommen und um das karman zu tilgen, muss man die Mühsale ertragen:    8.

            mârgâcyavananirjarârtham pariodhavyâ parîahâ.

 

       1) Hunger, 2) Durst, 3) Kälte, 4) Hitze, 5) Bremsen und Mosquitos, 6) Nacktheit, 7) Verstimmung (gegenüber den religiösen Pflichten), 8) Weiber, 9) Wanderleben, 10) Positur (zum Meditieren), 11) Lagerstätte, 12) Scheltworte, 13) Misshandlung, 14) Betteln, 15) Misserfolg beim Betteln etc., 16) Krankheit, 17) Verletzung durch Halme (wenn nackt), 18) Körperschmutz, 19) Ehrfurchtsbezeugungen, 20) Wissens(dünkel), 21) Verzweiflung über Unwissenheit, 22) Glaubenszweifel. 9.

            kutpipâsâitoṣṇadaṃṡamaakanâgnyâratistrîcaryâniadyâayyâkroavadhayâcanâlâbharogatṛṇasparamalasatkârapuraskâraprajâjânâdaranâni.

Diese 22 Dinge oder Vorkommnisse bereiten einem Mönch entweder direkt Mühsale, oder indirekt, insofern sie ihn von dem Heilswege abzubringen geeignet sind. Ausführlich handelt über sie Uttarâdhyayana 2., und im allgemeinen Sûtrakga I, 3.

 

       Vierzehn derselben kommen bei einem sûkmasamparâyasayata und einem chadmasthavîtaâgasayata vor.    10.

            sûkmasamparâyacchadmasthavîtarâgayo caturdaa.

sûkmasamparâya ist einer, dessen samparâya klein ist. samparâya (bez. sâmparâya) wird in S. mit kaâya erklart; im Lokaprakâa 2, 1195 lautet die Definition: sûkma kiṭṭikto lobhakaâyodayalakaa I samparâyo yasya sûkmasamparâya sa ucyate. Das ist das 10. guasthâna, während bâdarasamparâya im 9. steht, chadmathavîtarâga ist die Bezeichnung derer, die im 11. und 12. guasthâna sich befinden; die im 11. sind upaântakaâya, die im 12. kîakaâya, welche Attribute mit chadmasthavitarâga komponiert werden zur vollständigen Bezeichnung, Lokaprakâa 2, 1198. 1217. Auf diesen Stufen fallen also diejenigen

pariaha's fort, welche auf dem mohanîya beruhen, nämlich 6, 7, 8, 10, 12, 14, 19 und 22; es verbleiben die übrigen vierzehn.

 

       Elf bei einem Jina. 11.

            ekâdaa jine.

Bei einem Jina gibt es kein ghâti karman mehr (nämlich Jânâvaraîya , daranâvaraîya , mohanîya und antarâya); es fallen daher von obigen vierzehn noch 15, 20 und 21 fort und

es bleiben nur die auf vedanîya beruhenden elf. S. hat vom Digambara-Standpunkt aus Schwierigkeit, dieses Sutra zu erklären. Denn die Jinas essen und trinken nicht, somit kann auch von kudh und pipâsâ nicht die Rede sein; es soll also hier nur ein parîahopacâra verstanden werden, oder im Sûtra nicht sambhavanti wie vorher und nachher suppliert werden, sondern na bhavanti.

 

       Beim bâdarasamparâya alle. 12.

            bâdarasamparâye sarve.

Bei diesem treten die Kaâya's in grober Form auf; vgl. oben

Bemerkung zu 10.

Jetzt wird angegeben, welche Mühsale bei den verschiedenen Arten (prakti's) des karman (VIII 5) eintreten.

 

       Wenn Wissenshinderung vorhanden ist, dann treten Wissensdünkel (20) und Verzweiflung über Unwissenheit (21) ein;    13.

            jânâvarae prajâjâne.

       Wenn G1aubensstörung und das Hindernde: Glaubenszweifel (22), Misserfolg beim Betteln (15).    14.

            daranamohântarâyayor adaranâlâbhau.

 

       Bei Wandelsstörung treten ein Nacktheit (6), Verstimmung (7), Weiber (9), Positur (10), Scheltworte (12), Betteln (14) und Ehrfurchtsbezeugungen (19).    15.

            câritramohe nâgnyâratistrîniadyâkroayâcanâsatkârapuraskârâ.

 

       Beim vedanîya die Übrigen.    16.

            vedanîye ea.

 

       Gleichzeitig kommen jenachdem eins bis neunzehn bei einem Individuum vor.    17.

            ekâdayo bhâjyâ yugapad ai 'konaviṃṡate.

Hitze und Kälte (3 und 4) können nicht zugleich bestehen, ebensowenig Wandem, Lagem und Positur (8, 11, 10); so können also nur 19 von den 22 Mühsalen bei einem Individuum zu derselben Zeit eintreten.

 

       VI. Der Wandel (besteht in den fünf Graden der Selbstzucht, sayama): 1) sâmâyika, 2) chedopasthâpya, 3) parihâraviuddhi, 4) sûkmasamparâya und 5) yathâkhyâta.    18.

            sâmâyikacchedopasthâpyaparihâraviuddhisûkmasamparâyayathâkhyâtâni

câritram.

1) sâmâyika sayama scheint in der Beobachtung alles dessen zu bestehn, was für bestimmte Zeiten und zeitweise vorgeschrieben ist, wie svâdhyâya und tryâpatha; 2) chedopasthâpya (bez. Chedopasthâpanâ S.) ist die richtige Sühnung von Vergehen; 3) parihâraviuddhi, die Reinheit des Wandels, die auf der Schonung lebender Wesen beruht; 4) sûkmasamparâya, derjenige Wandel, bei dem die Leidenschaften höchstens in subtiler Form sich äussern;

5) yathâkhyâta , der vollkommene Wandel , den die Neutralisation oder die Vernichtung des mohanîya möglich macht und der zur vollständigen Vernichtung alles karman führt (nach S.). Dies sind die zur vollkommenen Heiligkeit aufsteigenden 5 Stufen des Wandels, die von den fünf Arten der Nirgranthas (siebe 48) realisiert werden.

 

VII. Askese ist zweifach: äussere und innere. (Vergleiche zum Folgenden die sehr detaillierte Klassifikation im Aupapâtika-Sûtra § 30.)

 

       A. Äussere Askese ist (sechsfach): 1) Fasten, 2) Verringerung der Kost, 3) Beschränkung auf bestimmte Nahrung, 4) Verzicht auf leckere Kost, 5) einsame Lagerstatte und 6) Abtötung des Fleisches.    19.

            anaanâvamaudaryavttiparisakhyânarasaparityâgaviviktaayyâsandkâyakleâ bâhya tapa.

 

       B. Die folgende (d. h. innere Askese ist sechsfach): l) Buße, 2) Bescheidenheit, 3) Dienstbeflissenheit, 4) Studium, 5) Entsagung und 6) Meditation.    20.

            prâyacittavinagavaiyâvttyasvâdhyâyavyutgargadhyânâny uttaram.

 

       Diese haben der Reihe nach bis Meditation exklusive 9, 4, 10, 5 und 2 Unterarten.    21.

            navacaturdaapacadvibheda yathâkramam prâg dhyânât.

            Nämlich, Buße ist neunfach:

       B. 1. 1) Beichten, 2) Abbüßen, 3) Beides zugleich, 4) Reinmachen (von Speisen, Utensilien etc.), 5) Aufgeben (von desgleichen, wenn nicht vorschriftsmäßig), 6) Askese (d. h. äußere), 7) cheda, 8) parihâra und 9) upasthâpana.    22.

            âlocanapratikramaatadubhayavivekavyutsargatapachedaparihâropasthâpanâni.

N. 5 vyutsarga wird in S. mit kâyotsargâdikaraa erklärt. N. 7 cheda scheint Nachdatierung der Konsekration pravrajyâ, also Verringerung der geistlichen Anciennität bedeuten zu sollen und N. 9 upasthâpana erneute Konsekration, wodurcb also die geistliche Laufbahn von neuem begonnen wird. N. 8 scheint auch die Herausschiebung eines Termins zu bedeuten, doch ich verstehe nicht welchen Termin und zu welchem Zwecke.

B. 2. Die Bescheidenheit ist vierfach, bezüglich:

 

       Wissen, Glauben, Wandel und Höflichkeit. 23.

            jânadaranacâritropacârâ.

Diese Bescheidenheit, vinaya, besteht in Fleiß und Ernst in den drei ersten Punkten und in der Höflichkeit bez. Ehrfurcht denen gegenüber, die vollkommener in Wissen, Glauben, Wandel etc. sind.

B. 3. Die Dienstbeflissenheit ist zehnfach gegenüber folgenden Personen bez. Gruppen:

 

       1) dem Meister, 2) dem Lehrer, 3) dem Büßer, 4) dem Novizen, 5) dem Kranken, 6) dem gaa, 7) dem kula, 8) der Gemeinde, 9) dem Mönch und 10) den Weltlichen.    24.

            âcâryopâdhyâyatapasvîaikakaglânagaakulasaghasâdhumanojnânâm.

gaa wird erklärt als sthavirasatatisasthiti, kula als âcâryasatatisasthiti.

B. 4. Das Studium ist fünffach:

 

       1) Unterricht, 2) Befragung, 3) Wiederholung im Geiste, 4) Aufsagen und 5) Erklärung.    25.

            vâcanâpracchanânuprekâmnâyadharmopadeah.

B. 5. Entsagung ist zweifach, bezüglich:

 

       der äußerlichen und der innerlichen Versuchung. 26.

            bâhyâbhyantaropadhyo.

Versuchung, upadhi, ist äußerlich, wenn sie sich auf Dinge bezieht, die einem nicht gehören, innerlich, wenn der Leib und die Leidenschaften in Betracht kommen.

 

            B. 6. Die Meditation dhyâna:

 

       Meditation ist das Festhalten und Konzentrieren eines Gedankens seitens eines, der eine (der vier) obersten Festigkeiten besitzt,    27.

            uttamasahananasyai 'kâgracintânirodho dhyânam.

 

            (Vgl. VIII 12, 9.)

            bis zu einem Mnhûrta. 28.

            â muhûrtât.

            Länger kann die Konzentration nicht ausgehalten werden. Sie ist vierfach :

       a) Trübselig, b) böse, c) fromm und d) rein.    29.

            ârtaraudradharmauklâni.

       Die beiden letzteren führen zur Befreiung. 30.

            pare mokahetû.

       Die trübselige Meditation besteht in dem lebhaften Gedenken an Unangenehmes, das einem zu teil geworden, auf dass man davon frei werde,    31.

            ârtam amanojânâm samprayoge tadviprayogâya smtisamanvâhâra,

 

            ebenso von dergleichen Empfindungen,    32.

            vedanâyâ ca.

       umgekehrt von Angenehmem,    33.

            viparîtam manojânâm.

 

       und des nidâna.    34.

            nidâna ca.

d. h. das intensive Verlangen, in einem künftigen Leben eine bestimmte Absicht zu verwirklichen (cf. VII 32).

 

       Diese (trübselige Meditation kommt vor) bei Unenthaltsamen, teilweise Enthaltsamen und den in der Selbstzucht Nachlässigen.    35.

            tad aviratadeaviratapramattasayatânâm.

Die teilweise Enthaltsamen sind diejenigen, welche die auvrata beobachten (cf. VI 20. VII 2).

 

       b) Die böse (Meditation), die bei Unenthaltsamen und teilweise Enthaltsamen vorkommt, bezweckt Mord, Lug, Diebstahl und Bewahrung von Gütern.    36.

            hisântasteyaviayasarakaebhyo raudram aviratadeaviratayo.

 

       Die fromme Meditation dient zur Ergründung 1) der heiligen Lehre, 2) der  Erfahrungstatsachen, 3) der Folgen des karman und 4) des Weltbaues, seitens

eines, der in der Selbstzucht korrekt ist, 37.

            âjâpâyavipâkasasthânavicayâya dharma apramattasayatasya.

Ergründung, vicaya, in S. mit vivekavicâraa erklärt. Erfahrungstatsache scheint mir hier die Bedeutung von apâya zu sein, wobei ich auf I 15 verweise.

 

       und seitens derjenigen, bei welchen die Leidenschaften entweder neutralisiert oder erloschen sind.    38.

            upaântakîakaâyayo ca.

 

       (Bei den letztern finden sich) auch die beiden ersten Arten der reinen Meditation,    39.

            ukle câ "dye.

 

       die beiden letzten beim Kevalin.    40.

            pare kevalina.

            Diese vier Stufen der reinen Meditation sind:

       1) pthahtvavitarka, 2) ekatvavitarka, 3) sûkmakriyâpratipâtin und 4) uparatakriyânivtti.    41.

            pthaktvaikatvavitarkasûkmakriyâpratipâtivyuparatakriyânivttîni.

 

       Diese (finden statt der Reihe nach) bei solchen, welche 1) alle drei, 2) nur eine, 3) nur die körperliche, 4) gar keine Betätigung haben.    42.

            tat tryekakâyayogâyogânâm.

 

       Die beiden ersten, die mit Überlegung (vitarka) verbunden sind, haben einen Gegenstand zum Objekt;    43.

            ekâraye savitarke pûrve.

 

       von diesen ist die zweite ohne vicâra. 44.

            avicâra dvitîyam.

 

       vitarka ist das rutajâna. 45.

            vitarka rutam.

 

vicâra ist das Übergehen von einem Gegenstand zum andern, von einem Schriftwort zum andern, von einer Betätigung zur andern.    46.

            vicâro 'rthavyajanayogasakrânti.

Die Deutung des letzten Sûtras gebe ich nach S.

Nach den in den vorhergebenden Sûtren gegebenen Erklärungen würde pthaktvavitarka die Meditation über einen Gegenstand der Offenbarung sein, wobei aber der innere Sinn leicht zu anderm übergeht, während bei ekatvavitarka letzteres nicht geschieht. Der Unterschied dieser beiden Meditationen von den vorhergehenden besteht auch darin, dass in ihnen rutajâna funktioniert, während die niederen Meditationen in smtisamanvâhâra bestehen, wobei

also matijâna funktioniert.

In den beiden höchsten Stufen bereitet sich das nirvâa vor; ihr Wesen ist aus den Namen zu entnehmen. In sûkmakriyam apratipâti ist nach 42 nur die körperliche Betätigung vorhanden

und diese funktioniert also in einem minimalen Grade, wobei ein Rückfall in frühere Zustände ausgeschlossen ist. Nach Uttarâdhyayana 29, 72. Lokaprakâa III 1262 tritt dies Stadium ein, wenn weniger als ein (bez. einhalb) muhûrta des âyuka übrig ist. Der kevalin (40) heisst dann sayogin. Im folgenden Stadium, des ayogin kevalin , das nur ganz kurz dauert (ebenda), verschwindet alles karman und die Loslösung von den zwei bez. drei Leibern tritt ein, vgl. Utt. 29, 73. Lokapr. III 1266 f. Es verdient Beachtung, das auch im Yogasûtra die Ausdrücke

savitarka I 42, nirvitarka 43, savicâra und nirvicâra 43 als Stufen des sabîja samâdhi vorkommen, allerdings in anderer Bedeutung, aber doch so, dass ein innerer Zusammenhang erkennbar bleibt. Im Vorhergehenden sind die Ursachen für die Tilgung des karman, die nirjarâ, angegeben (cf. 2. 3); jetzt wird die Intensität bei verschiedenen Klassen Religiöser festgestellt.

       Die Tilgung ist bei jedem folgenden unzählig mal grösser als bei dem vorhergehenden in dieser Reihenfolge: 1) der Rechtgläubige, 2) der Laie, 3) der die Gebote haltende (virata, hier gleich Mönch?), 4) der die Leidenschaften Unterdrückende, 5) der die Glaubensstörung Vernichtende, 6) der die ( Wandel)störung Neutralisierende, 7) der, bei dem sie neutralisiert

ist, 8) der die (Wandel)störung Vernichtende, 9) der, bei dem sie vernichtet ist, 10) der Jina.    47.

            samyagdṛṣṭirâvakaviratânantaviyojakadaranamohakapakopaamakopaantamohakapakakîamohajinâ kramao 'sakhyeyaguanirjarâ.

Im folgenden wird eine Einteilung der eigentlichen Mönche nach andern Prinzipien gegeben:

       Die Nirgranthas sind 1) Pulâka's, 2) Bakua's, 3) Kuîla's, 4) Nirgrantha's, 5) Snâtaka's.    48.

            pulâkabakuakuîlanirgranthasnâtakâ nirgranthâ.

Der Nirgrantha-Pulâka (taube Ähre) fällt nicht mehr vom Jainismus ab, beobachtet aber die Gebote nicht immer streng; der Bakua (der Gescheckte) beobachtet die Gebote, ist aber nicht frei von Eitelkeit. Der Kuîla ist entweder Pratisevanâ-Kuîla, wenn er sich noch etwas gegen die uttaragua's zu schulden kommen lässt, oder Kaâya-Kuîla, wenn die  sajvalanakaâya's noch bei ihm auftreten. Nirgrantha sind vîtarâgacchadmastha (cf. 10); nach S. steht ihnen nach einer Stunde das kevalajanam, bevor. Snâtaka's endlich sind sayogâ kevalinas und diejenigen, welche aileî erreicht haben.

       Diese sind nach folgenden acht Gesichtspunkten darzustellen: 1) Selbstzucht (sayama), 2) heiliges Wissen (ruta), 3) falsche Praxis (pratisevanâ), 4) tîrtha, 5) geistlicher Stand (liga), 6) leyâ, 7) Wiedergeburt (upapâta), 8) Grade (sthâna).    49.

sayamarutapratisevanâtîrthaligaleyopapâtasthânavikalpata sâdhyâ

 

Wir bezeichnen die in Sûtra 48 unterschiedenen nirgrantha's mit A, B, C 1, C 2, D, E. 1) Selbstzucht, sayama, hat nach 18 fünf Arten. Davon haben A, B, C 1 Nr. 1. 2, C 2 Nr. 3. 4; D, E Nr. 5. 2) Das heilige Wissen, ruta. A, B, C 1 kennen wenigstens dem Inhalte nach das âcâravastu, ein Stück des neunten Pûrva, höchstens den der 10 Pûrva's; C 2, D kennen den von 14 Pûrva; B, C, D kennen die 5 samiti's und 3 gupti's; E ist über ruta hinaus. 3) falsche Praxis, pratisevanâ. A übt die mûlagua's und beachtet das Verbot in der Nacht zu essen. Andern zu Liebe oder gezwungen. B bemüht sich um seine Utensilien (upakaraabakua)

oder um seine Körperpflege (arîrabakua). C 1 vergeht sich noch zuweilen gegen die uttaragua. Bei C 2, D, E kommt pratisevaâ nicht mehr vor. 4) Tîrtha. Alle sind in tîrtha's (d. h. in den von den Tîrthakaras gegründeten Kirchen); nach einigen ist dies bei C 2, D, E nicht notwendig. 5) Geistlicher Stand, liga. Alle sind bhâvatas (der Gesinnung nach) darin, ob aber auch dravyatas (formell), hängt von Umständen ab. 6) le. A hat einen der drei höchsten leyâs, B, C 1 alle sechs, C 2 die drei höchsten, wenn er den 3. sayama hat; wenn er den 4. sayama hat, hat er sowie D, E die weiße le; der ayogakevalin hat keine. 7) Wiedergeburt, upapâta. E erreicht nirvâa, die übrigen werden im ungünstigsten Falle in Saudharma, im günstigsten in den höheren Himmeln wiedergeboren, und zwar A in Sahasrâra; B, C 1 in Âraa und Acyuta; C 2, D in Sarvârthasiddha. 8) Grad (sthâna). Durch

die Leidenschaften entstehen unzählige Grade der Selbstzucht, sayama. Jeder durchläuft unzählige Grade, B aber unzählige mehr als A, und so weiter bis E, der nur einen Grad hat, von dem aus er zum Nirvâa gelangt.